Von Grillen und Hunden

Avernakø ist eine kleine, längliche Insel in der dänischen Südsee, auf halbem Weg zwischen Marstal und Faaborg, wo wir die letzten Regen- und Gewittertage verbracht haben. Ursprünglich waren es zwei Inseln, aber Nord- und Südteil sind durch einen aufgeschütteten Damm miteinander verbunden. Wir liegen in Korshavn, einer kleinen Brücke an der windgeschützten Innenseite der Südinsel. Neben Tadorna liegt Digger mit Stephan, Kathleen und Polly, Jamaicas Tante.

Wer auch immer den Begriff „fauler Hund“ erdacht hat – er kannte sicher keine Parsson-Russel-Terrier! Die beiden sind einfach nicht tot zu kriegen, waren heute schon Schwimmen, Stöckchen holen, Schwimmen, Strandbuddeln, Schwimmen, Enten jagen, Schwimmen und nochmal Schwimmen. Also leihen wir uns vier Fahrräder und machen uns auf den Weg zum Insel-Kaufmann, Grillfleisch besorgen und Hunde hetzen.

Die alten, klapprigen Damenfahrräder, für die man 10 Kronen in einen hölzernen Briefkasten wirft, haben leider keine Gangschaltung. Das Vorhaben, Jamaica und Polly ihr Limit zu zeigen scheitert daher kläglich: Ein Müsliriegel, zwei Stunden und 10 Kilometer später packen wir verschwitzt und ziemlich außer Atem unsere Rucksäcke aus, während Polly und Jamaica – schwimmen gehen. Den Lauf zum Kaufmann haben sie in lockerem Jogging-Stil absolviert, das Rückrennen über den schmalen Damm zwischen Nord- und Südinsel mühelos gewonnen, und als im frisch gemähten Weizenfeld ein Hase die Löffelohren zu weit aufstellte wurde noch ein Gang zugelegt…

Wir legen ein kurzes Nickerchen ein, duschen und machen uns dann ans Grillen: Schweinebauch und Nackensteak, Pölser und grobe dänische Grillwurst, dazu Zucchini und Auberginenscheiben, Paprika, Lauch und Zwiebeln. Nur Baguette haben wir vergessen, und es gibt gerade mal vier mittelgroße Kartoffeln, die wir mit Butter, Salz und Rosmarin in Alufolie wickeln und direkt ins Feuer werfen. Kohlenhydrate sind heute Mangelware, dafür sorgen Bier und Rotwein aus einem Pappcontainer gegen Mitternacht für die nötige Bettschwere.

Wir grillen viel diesen Sommer, und meine nächtlichen CGM-Kurven und Morgenwerte sehen nach einem solchen Abend oft katastrophal aus: Ich habe mich nie wirklich mit der Berechnung von Fetten und Proteinen abgegeben, konzentriere mich stattdessen auf die „normalen“ KEs und runde eher intuitiv. Verzögerte FPE-Boli sind bei einer ICT mit Pen und schnellwirksamem Analog-Insulin in der Praxis sowieso schwierig umsetzbar. Natürlich geht das besser, natürlich denke ich über Alternativen nach, natürlich könnte, sollte, müsste… Aber für den Moment nehme ich morgendliche Kopfschmerzen und diesen stechenden Druck auf der Blase einfach in Kauf, winde mich noch vor Sonnenaufgang aus Monas Umarmung und lehne mich an Tadornas Heck gegen die Seereling, um die salzige Ostsee zu süßen. Dann schiebe ich Jamaica zur Seite, die inzwischen meinen warmen Platz im Schlafsack übernommen hat, trinke einen Schluck Wasser, korrigiere mit ein paar Einheiten Insulin und kuschele mich wieder an meine Freundin. So ist das eben – ich bin kein Vorzeigediabetiker.

 

Walross trifft Brandgans.

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich mit Walross 4 rund Kap Hoorn segeln und im Yachthafen Hohe Düne den letzten Anleger dieser insgesamt zweieinhalbjährigen Weltreise des Berliner ASV fahren durfte: Mein großes „Abenteuer Diabetes“ fand damit am 8. Juli 2010 seinen vorläufigen Abschluss: 6 Monate und 15.000 Meilen auf See – ohne Unterzuckerung. Wer damals nicht live dabei war: Im Logbuch 2010 könnt ihr den gesamten Törn noch einmal mitsegeln, genauso wie auf www.accu-chek-mobile.de

Ich liege mit Tadorna im Hafen von Marstal, der traditionsreichen Hochburg der dänischen Seefahrt. Mona, Jamaica und ich haben das Schiffahrtsmuseum besucht, den Nachbau des Marstal-Schoners Bonavista bestaunt und uns im Super Brugsen neu verproviantiert: Frisch gebackenes Schwarzbrot, Käse und Wurst, Obst, Gemüse und Ymer, dänischen Saueryoghurt. Frische Lebensmittel halten sich an Bord nur begrenzt: Wir haben keinen Kühlschrank, lagern sie stattdessen in Tupperdosen tief in der Bilge unter der Wasserlinie – dort ist es am kühlsten. Hier liegen auch meine Insulinvorräte: wasserdicht verpackt, direkt auf dem Kiel. Weiter oben, in den Schapps, stapeln sich Trockenvorräte wie Nudeln, Reis und Müsli, Dosen mit Eintopf und Ravioli, luftgetrocknete Salami, Kekse, Schokoladenvorräte, Müsliriegel und Knäckebrot. Nur die Traubenzuckervorräte, die sich schon bei geringer Feuchtigkeit schnell auflösen, bleiben in meinem wasserdichten Diabetes-Koffer verstaut.

Wir wollen weiter: Ankern in der dänischen Südsee. Ein Anruf von Sven, der die Vorschiffs-Crew des Walross auf der Kap Hoorn-Etappe mit seinem Schnarchen aus der Steuerbordkoje unterhielt, lässt uns noch einen Tag warten: Er hat vor kurzem seinen Schiffer gemacht, die ASV-interne Prüfung zum Schiffsführer des Walross. Heute ist er zu seiner ersten, alleinverantwortlichen Seereise aufgebrochen, zur ASV-100-Challenge, einer Prestige-Regatta: Walross 4 gegen Peter von Danzig, Berlin gegen Kiel, ASV gegen ASV – ein Wettkampf in verbands- und bundesbrüderlicher Freundschaft. Und Sven hat gerade meine letzte Positionsmeldung auf Facebook entdeckt und entschieden: Das Walross wird heute Nacht auf See bleiben, den Fehmarnsund aufkreuzen und morgen früh hier sein!

Über die Parallelen zwischen „Rund Kap Hoorn“ und „Raus ins Blaue!“, einer richtigen Seereise und einem Segelsommer, zwischen Abenteuer und Alltag habe ich ja bereits vor vier Wochen geschrieben. Als ich mit meiner „kleinen Brandgans“ am Walross festmache werden die Unterschiede deutlich: 7,64 Meter versus 56 Fuß – die Hochseeyacht des ASV ist rund doppelt so breit, dreimal so lang, viermal so schwer und fünfmal so geräumig wie Tadorna. Meine Diabetes-Ausrüstung ist dagegen beinahe die gleiche: Insulin, Messgerät und CGM-System, das sind die wesentlichen Inhalte meines Diabetes-Koffers, auf dem Südpazifik genauso wie in der dänischen Südsee.

Wir beschließen, den Abend bei Ærøskøbing vor Anker zu verbringen. Mit Tadorna kann ich das enge Fahrwasser zwischen Ærø und den vielen vorgelagerten Flachs und Inseln aufkreuzen; das Walross muss aufgrund seines Tiefgangs einmal die Insel runden und die dreifache Strecke zurücklegen. Als ich die Bucht erreiche, lassen wir den Anker vor den bunten Badehütten des weißen Sandstrands auf wenigen Metern Wassertiefe fallen – Jamaica muss Gassi gehen. Wir rudern an Land, baden und bringen unserem Bordhund das Schwimmen bei. Jamaica ist noch etwas ängstlich, strampelt sich durch die seichten Wellen, schnappt nach Luftblasen, Schaum und Spritzern und schluckt eine gehörige Portion Seewasser, hat dann aber sichtlich Spaß an der Sache.

Als das Walross weiter draußen vor Anker geht kommen wir dazu, Jan kocht eine riesige Portion Labskaus, und der Abend klingt mit 7 ASVern, Mona, Jamaica und mir im winzigen Cockpit von Tadorna aus, die eine gute Planke tiefer im Wasser liegt. Heute Abend lasse ich meinen Diabetes Diabetes sein: eine große Flasche Tequila aus unserer Bordbar macht die Runde, ausgelutschte Zitronenscheiben ziehen langsam achteraus und bilden eine im Mondlicht glitzernde Fährte – wer ihr folgen sollte, träfe auf eine ausgelassene Schar junger ASVer, die sich singend und lachend auf einem viel zu kleinen Folkeboot Geschichten vom Meer erzählen…

Sommer 2012: Grün

Dieser Sommer soll einfach nur schön werden. Kein harter Einhandtörn rund Ostsee. Keine 15.000 Meilen rund Kap Hoorn. Einfach nur Segeln. Ich freue mich auf ein paar entspannte Wochen in der dänischen Südsee mit Freundin Mona, Bordhund Jamaica und Tadorna, meinem 50 Jahre alten Folkeboot.

Anders als vor vier Jahren, als ich meine „kleine Brandgans“ für zwei Sommer rund Ostsee ausrüstete und die anstehenden Arbeiten, Einkäufe und sonstigen Vorbereitungen Wochen und Monate in Anspruch nahmen, muss ich heute eigentlich nur meine Segelsachen packen, einmal die Aldi-Regale plündern und meine neuen Segel anschlagen – Tadorna ist seeklar. Ich habe sie in den letzten zwei Jahren grundlegend überholt, dafür eigens eine kleine Werft gegründet und aus meinem alten Schiff einen vollwertig ausgestatteten Hochseesegler gemacht.

Und anders als 2010, als ich zum Segeln über Dubai und Sydney nach Neuseeland flog, um dort an Bord des Walross zu gehen und mit wechselnden Crews rund Kap Hoorn nach Hamburg zu segeln, musste ich heute morgen nur aufstehen, mit Jamaica zum Bäcker laufen und Mona und mir einen Kaffee kochen: Wir wohnen seit Anfang Mai an Bord, im Stadthafen von Schleswig.

Nahezu gleichgeblieben ist der Inhalt meines orangenen, wasserdichten Diabetes-Koffers – meine „Abenteuer Diabetes“-Grundausrüstung. Die Anzahl der benötigten Insulinkartuschen und Messkassetten ist zwar deutlich geringer als in den letzten Jahren, aber das hat nichts mit dem Revier, dem Schiff oder der Tatsache, dass ich diesen Sommer nicht einhand unterwegs bin zu tun – sie ist lediglich definiert durch die Zahl der Wochen, die ich auf See sein möchte.

Davon abgesehen muss ich einen Segel-Sommer in Dänemark als Diabetiker genauso planen wie eine Weltumsegelung: Die dänische Südsee ist genauso „Abenteuer Diabetes“ wie der Southern Ocean, mein Diabetes auf Tadorna genauso unberechenbar wie an Bord des Walross und meine Einstellung zu einer schweren Unterzuckerung auf See bleibt die gleiche, ob allein oder mit Crew: Sie darf einfach nicht vorkommen.

Es ist Sonntag, der 15. Juli 2012. Ich werfe einen Blick auf meinen CGM-Monitor, messe sicherheitshalber noch schnell meinen Blutzucker und drehe das Schild meines Liegeplatzes auf grün – bis Anfang September werde ich ihn nicht brauchen. Zusammen mit Havhingsten, dem weltgrößten Nachbau eines Langschiffes, das anlässlich der Wikingertage Haithabu, Schleswig und die Schlei besucht hat, setzen wir die Segel. Mona steht am Bug und winkt meinem Bruder, der vom Steg aus ein Abschiedsfoto schießt. Jamaica, die sich mit ihren sechs Monaten den Titel „Bordhund“ erst noch verdienen muss, knurrt ein etwas nervöses Welpenknurren. Ich hole die Schoten dicht, luve an, und Tadorna legt sich freudig glucksend auf die Seite – wir sind unterwegs.