Sommer 2012: Grün

Dieser Sommer soll einfach nur schön werden. Kein harter Einhandtörn rund Ostsee. Keine 15.000 Meilen rund Kap Hoorn. Einfach nur Segeln. Ich freue mich auf ein paar entspannte Wochen in der dänischen Südsee mit Freundin Mona, Bordhund Jamaica und Tadorna, meinem 50 Jahre alten Folkeboot.

Anders als vor vier Jahren, als ich meine „kleine Brandgans“ für zwei Sommer rund Ostsee ausrüstete und die anstehenden Arbeiten, Einkäufe und sonstigen Vorbereitungen Wochen und Monate in Anspruch nahmen, muss ich heute eigentlich nur meine Segelsachen packen, einmal die Aldi-Regale plündern und meine neuen Segel anschlagen – Tadorna ist seeklar. Ich habe sie in den letzten zwei Jahren grundlegend überholt, dafür eigens eine kleine Werft gegründet und aus meinem alten Schiff einen vollwertig ausgestatteten Hochseesegler gemacht.

Und anders als 2010, als ich zum Segeln über Dubai und Sydney nach Neuseeland flog, um dort an Bord des Walross zu gehen und mit wechselnden Crews rund Kap Hoorn nach Hamburg zu segeln, musste ich heute morgen nur aufstehen, mit Jamaica zum Bäcker laufen und Mona und mir einen Kaffee kochen: Wir wohnen seit Anfang Mai an Bord, im Stadthafen von Schleswig.

Nahezu gleichgeblieben ist der Inhalt meines orangenen, wasserdichten Diabetes-Koffers – meine „Abenteuer Diabetes“-Grundausrüstung. Die Anzahl der benötigten Insulinkartuschen und Messkassetten ist zwar deutlich geringer als in den letzten Jahren, aber das hat nichts mit dem Revier, dem Schiff oder der Tatsache, dass ich diesen Sommer nicht einhand unterwegs bin zu tun – sie ist lediglich definiert durch die Zahl der Wochen, die ich auf See sein möchte.

Davon abgesehen muss ich einen Segel-Sommer in Dänemark als Diabetiker genauso planen wie eine Weltumsegelung: Die dänische Südsee ist genauso „Abenteuer Diabetes“ wie der Southern Ocean, mein Diabetes auf Tadorna genauso unberechenbar wie an Bord des Walross und meine Einstellung zu einer schweren Unterzuckerung auf See bleibt die gleiche, ob allein oder mit Crew: Sie darf einfach nicht vorkommen.

Es ist Sonntag, der 15. Juli 2012. Ich werfe einen Blick auf meinen CGM-Monitor, messe sicherheitshalber noch schnell meinen Blutzucker und drehe das Schild meines Liegeplatzes auf grün – bis Anfang September werde ich ihn nicht brauchen. Zusammen mit Havhingsten, dem weltgrößten Nachbau eines Langschiffes, das anlässlich der Wikingertage Haithabu, Schleswig und die Schlei besucht hat, setzen wir die Segel. Mona steht am Bug und winkt meinem Bruder, der vom Steg aus ein Abschiedsfoto schießt. Jamaica, die sich mit ihren sechs Monaten den Titel „Bordhund“ erst noch verdienen muss, knurrt ein etwas nervöses Welpenknurren. Ich hole die Schoten dicht, luve an, und Tadorna legt sich freudig glucksend auf die Seite – wir sind unterwegs.

 

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